Unter den Augen des Herkules: Plastische Chirurgen tagten in Kassel

12. September 2016

Berlin/Kassel - Ganz nah am märchenhaften Bergpark Wilhelmshöhe veranstaltete die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) in diesem Jahr ihre 47. Jahrestagung, die gleichzeitig die 21. Jahrestagung der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC) war. Vom 8. bis 10. September fanden mehr als 550 Besucher den Weg nach Kassel. Dieser lohnte sich: 58 Symposien mit 347 Vorträgen sowie 37 wissenschaftliche Poster und 17 dreiminütige „Science Slam“-Vorträge boten einen perfekten Einblick in die aktuelle plastisch-chirurgische Forschung.

Zwischen Kommerz und Heilen
„Kümmern, Kurieren – und Kommerz?“ lautete das diesjährige Kongressmotto. „Das war bewusst etwas provozierend gemeint“, betont Kongresspräsident Prof. Dr. Ernst Magnus Noah. „Die Plastische Chirurgie bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen Heilen und einer Kommerzialisierung, der wir uns täglich aufs Neue stellen. In erster Linie aber sind wir Ärzte, denen die Gesundheit unserer Patienten am Herzen liegt.“ Qualifizierte Weiterbildung und Kommunikation unter Kollegen seien dabei unerlässlich. „Trotz digitaler Kommunikation ist ein Kongress wie dieser notwendig und wertvoll.“

Interplast hilft Flüchtlingen
Ein weiterer Schwerpunkt war die plastisch-chirurgische Hilfsorganisation „Interplast Germany“, die in den vergangenen 35 Jahren 88.180 Patienten weltweit kostenlos versorgen konnte. „Interplast ist ein Juwel der Plastischen Chirurgie“, sagt Kongresspräsident Dr. Lutz Gruhl, der seit 1992 regelmäßig für die Organisation in Madagaskar und Indien unterwegs ist. „Wir operieren an den Einsatzorten unablässig und versuchen vor allem, das Personal vor Ort zu schulen.“ Die Jahrestagung gab den Interplast-Themen mit zahlreichen Vorträgen Raum. Eine Session „Hilfe für Kriegsflüchtlinge“ versammelte die bisherigen Erfahrungen in der Versorgung von Flüchtlingen in Deutschland und in Krisenregionen. DGPRÄC-Präsident Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h. c. Raymund E. Horch dankte allen Beteiligten für ihren langjährigen und unermüdlichen Einsatz und unterstrich die Bedeutung dieses Engagements für die Plastische Chirurgie. Im Namen der Fachgesellschaft überreichte er eine großzügige Unterstützung der DGRPRÄC für den Ausbau der Interplast-Aktivitäten.

Vorstandsposten neu besetzt
Bei der Wahl von Vorstandsposten wurde durch die Mitgliederversammlung in Kassel Prof. Lukas Prantl im Amt des Sekretärs bestätigt, ebenso wie Frau Dr. Eva-Maria Baur im Amt der Schatzmeisterin. Vertreter der Niedergelassenen bleibt Dr. Christoph Czermak, Prof. Menke wurde als Vertreter der Leitenden Krankenhausärzte wiedergewählt. Als Sprecher der Universitär tätigen Leitenden Plastischen und Ästhetischen Chirurgen wurde Prof. Prantl gewählt. Prof. Kneser bleibt Leiter des Referats Rekonstruktion/Mikrochirurgie, Prof. Menke wurde neuer Leiter des Referats Verbrennungschirurgie. Zum Leiter des Referats Ästhetik wurde Prof. von Heimburg gewählt, Prof. Sauerbier wurde im Referat Handchirurgie bestätigt.

Ehrenmitglieder
Die Ehrenmitgliedschaft der DGPRÄC ging 2016 an Prof. Dr. Michael Greulich, der von 1991 bis 2009 am Marienhospital Stuttgart die Klinik für Hand-, Mikro- und rekonstruktive Brustchirurgie leitete. DGPRÄC-Präsident Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h. c. Raymund E. Horch schilderte dessen Verdienste auf dem Gebiet der Handchirurgie, wo er maßgeblich die Sehnenheilung erforschte. Prof. Greulich war für die Vereinigung der Deutschen Plastischen Chirurgen (heute DGPRÄC) in verschiedenen Ämtern tätig. Von 1995 bis 1997 war er Vizepräsident der Gesellschaft und 1997 bis 1999 deren Präsident.

Dieffenbach-Medaille
Die traditionelle Dieffenbach-Medaille der DGPRÄC ging an einen internationalen Gast – Dr. Julia Terzis aus New York City, USA. Unter der Überschrift „My Reconstructive Microsurgery Journey“ gab sie in ihrer Dieffenbach-Vorlesung interessante Einblicke in ihren plastisch-chirurgischen Werdegang. Die weltweit renommierte Plastische Chirurgin hat sich vor allem in der peripheren Nervenchirurgie und insbesondere in der Gesichtschirurgie einen Namen gemacht. Sie erhielt zahlreiche Preise, unter anderem 2009 den „Distinguished Fellowship Award“ der „American Association of Plastic Surgeons“ (ASPS). Außerdem ist sie Gründungsmitglied zahlreicher plastisch-chirurgischer Gesellschaften und hatte in der Vergangenheit mehrere Ehrenämter inne, darunter 2007 die Präsidentschaft der „World Society for Reconstructive Microsurgery“.

Wissenschaftliche Preise
Wegen eines besonders knappen Ergebnisses wurde der Wissenschaftspreis in diesem Jahr aufgeteilt. Dr. Christoph Wallner (BG Klinik Bochum) erhielt den Preis für seine Dissertation zur diabetischen Knochenheilung durch Einsatz von Wachstumsfaktoren und fettgewebsdifferenzierten Stammzellen. Für seine Arbeit über regenerative Ansätze für dermale Biomaterialien erhielt PD Dr. Dr. Thilo L. Schenck (LMU München) den Wissenschaftspreis. Beide Gewinner erhielten je 1500 Euro. Das Assoziierten-Reisestipendium der DGPRÄC in Höhe von 3000 Euro ging an Dr. Sebastian Fischer (BG Klinik Ludwigshafen). Er wird bei Prof. Goo-Hyun Mun in Seoul, Südkorea, seine Kenntnisse des mikrochirurgischen Gewebetransfers vertiefen.
Der mit 1000 Euro dotierte Vortragspreis ging 2016 an Ass.-Prof. PD Chieh-Han Tzou (Medizinische Universtität Wien) und sein Team für das Thema „Alternative Muskeln und innovative Konzepte zur Fazialisrekonstruktion“. Der Posterpreis und ebenfalls 1000 Euro gingen an Dr. Annika Arsalan-Werner (BG-Unfallklinik Frankfurt/Main) und ihr Team für ihre Arbeit „Langzeitergebnisse nach arthroskopischer Behandlung von zentralen traumatischen Läsionen des triangulären fibrokartilaginären Komplexes (Palmer 1a Läsion)“.

Erstmals in diesem Jahr wurden je für eine klinische und für eine grundlagenorientierte Arbeit zusätzlich zwei Mitglieder des plastisch-chirurgischen Nachwuchses geehrt. Julius Mayer (Klinikum der Universität München) und sein Team wurden in dieser Kategorie für ihren Grundforschungs-Vortrag „Zellbesiedelte Fibrinkleber-Konduite optimieren die periphere Nervenregeneration im Modell des Nervus ischiadicus-Transplantats bei Versuchsratten“ mit einem Buch des DGPRÄC-Ehrenmitglieds Prof. Dr. Neven Olivari ausgezeichnet. Für den klinischen Vortrag wurde das Thema „Langzeitergebnisse nach arthroskopischer Behandlung von zentralen traumatischen Läsionen des triangulären fibrokartilaginären Komplexes (Palmer 1a Läsion)“ von Dr. Annika Arsalan-Werner (BG-Unfallklinik Frankfurt/Main) und ihrem Team ebenfalls mit dem Buchpreis ausgezeichnet.

Als bester Science-Slam-Vortrag wurde das Thema „Chronische Wunde? Ulceration? Tumor? Kutane Leishmaniose!“ von Dr. Katrin Messingschlager (St. Ansgar Bassum) ausgezeichnet. Der „Goldene Herkules“ für den besten Video-Vortrag ging an Dr. Murat Dagdelen (Medical Inn Zentrum Düsseldorf) für den Vortrag „Different techniques in reducing the hump”.

Journalistenpreis
Für ihren Artikel „Riskanter Blick in den Schritt - Schönheitsoperationen im Intimbereich“, der am 11. März 2016 in den „Stuttgarter Nachrichten“ erschien, verlieh die DGPRÄC der Redakteurin Jasmin Andresh den Journalistenpreis der Deutschen Plastischen Chirurgen 2016. Der Text, der mit 2000 Euro ausgezeichnet wurde, durchleuchtet kritisch den angeblichen „Trend“ zur ästhetisch-plastischen Intimchirurgie. „Frau Andresh hat in ihrem Artikel gut dargestellt, dass Operationen im Intimbereich nie harmlos sind“, lobt DGPRÄC-Präsident Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h. c. Raymund E. Horch. „Außerdem arbeitet sie den Unterschied zwischen den rein ästhetischen Eingriffen und medizinisch begründeten OPs gut heraus.“ Der Journalistenpreis geht ausschließlich an Printmedien.

Weiterbildungsstätte des Jahres
Die Assoziierten Mitglieder der DGPRÄC vergaben zum neunten Mal den Preis für die Weiterbildungsstätte des Jahres. In der Kategorie „Ab vier Assistenten in Weiterbildung“ wählten die Assistenzärzte Prof. Dr. Dr. h. c. Raymund E. Horch, Direktor der Plastisch- und Handchirurgischen Klinik am Universitätsklinikum in Erlangen sowie Prof. Dr. Heinz Herbert Homann, Chefarzt der Abteilung für Handchirurgie, Plastische Chirurgie und Brandverletzte an der BG-Unfallklinik in Duisburg-Buchholz. In der Kategorie „Bis einschließlich drei Assistenten in Weiterbildung“ ging der Preis an Dr. Karl Schuhmann, der als Chefarzt die Klinik für Plastische / Ästhetische Chirurgie und Handchirurgie am Evangelischen Krankenhaus in Hattingen leitet.

 

Zusammenfassungen (Abstracts) sämtlicher Kongressvorträge finden Sie hier:
http://www.egms.de/dynamic/de/meetings/dgpraec2016/

Die Auswertung der Weiterbildungsstätte des Jahres finden Sie hier:
http://www.weiterbildungs-offensive.de/

Artikel „Riskanter Blick in den Schritt - Schönheitsoperationen im Intimbereich“:
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.schoenheitsoperationen-im-intimbereich-riskanter-blick-in-den-schritt.d5db8f9d-91b4-4be5-ab1b-ef7f0f773c1a.html