Geschichte der Plastischen Chirurgie

Die Anfänge der Plastischen Chirurgie sind eng verknüpft mit den Anfängen der Medizin an sich. Schon ab 1200 v. Chr. ist in Indien eine hohe Anzahl an Nasenoperationen belegt, bei denen ein "Gefäßlappen" aus der Stirn geschnitten und zu einer neuen Nase geformt wurde. Meist hatte der Eingriff sehr konkrete Gründe: Nach indischer Rechtssprechung wurden Verbrechern, Ehebrechern und Kriegsgefangenen zur Strafe die Nase amputiert. Auch im alten Ägypten waren rekonstruktive Eingriffe bekannt, wie Mumienfunde mit angenähten Ohren bewiesen. Der römische Medizinschriftsteller Aulus Cornelius Celsus (25 v. Chr. – 50 n. Chr.) beschreibt in seinen Werken ebenfalls zahlreiche Eingriffe, etwa die Defektdeckung im Gesicht mit Hilfe von Hautlappen.

Gottgewollte Verstümmelung?

Um 1450 entdeckte der sizilianische Wundarzt Branca die „indische Methode“ zur Nasenrekonstruktion und führte sie in zahlreichen Operationen durch. Sein Sohn Antonio entwickelte eine neue Methode, den gestielten Armlappen (Distanzlappen). Statt Gewebe aus der Stirn zu entnehmen, wurde bei dieser „italienischen Methode“ nun aus dem Oberarmgewebe eine neue Nase geformt. Anders als im alten Indien wurde eine Nasenplastik im 15. Jahrhundert hauptsächlich wegen duell- oder kriegsbedingter Verstümmelung, aber auch beim syphilitischen Zerfall der Nase vorgenommen.

Antonio Capra hielt seine neue Methode streng geheim. Erst 1597 beschrieb der italienische Chirurg Gasparo Tagliacozzi den Armlappen neben weiteren Operationen in seinem Buch „De Curtorum Chirurgia per Insitionem“. Die Veröffentlichung gilt als Grundstein der modernen Plastischen Chirurgie und erweckte bald das Interesse der Kirche. Nach ihrer Meinung waren Verstümmelungen gottgewollt und sollten daher vom Menschen nicht korrigiert werden. Für Tagliacozzi begann ein aussichtsloser Kampf gegen einen übermächtigen Gegner. Noch nach seinem Tod verdammten die Kirchenfürsten seine Seele, exhumierten seine Leiche und verscharrten sie außerhalb des Friedhofs.

Berlin, Geburtsort der modernen Plastischen Chirurgie

Erst 220 Jahre später führte der Berliner Charité-Professor Karl Ferdinand Graefe mehrere Nasenrekonstruktionen nach Tagliacozzis Methode durch und fasste seine Erkenntnisse in dem Buch „Rhinoplastik“ (1818) zusammen. 1823 beschrieb der französische Chirurg Jacques Delpech eine Nasen- und Lippenrekonstruktion nach der „italienischen Methode“. 1838 erwähnte Eduard Zeis erstmals den Begriff „Plastische Chirurgie“ in seinem umfangreichen Werk „Handbuch der plastischen Chirurgie“. Das Vorwort schrieb der Graefe-Schüler Johann Friedrich Dieffenbach, der wenige Jahre später ein einflussreiches Standardwerk verfassen sollte. „Die operative Chirurgie“ (1845) hieß das monumentale Werk, in dem Dieffenbach zahlreiche Operationen präzise beschrieb und erstmals die Plastische Chirurgie als ein eigenständiges Gebiet definierte. Die Rekonstruktion von Nasen, Unterlippen, Lippen-Kiefer-Gaumenspalten und Defekten im Wangenbereich blieb in den folgenden Jahren das zentrale Thema der Plastischen Chirurgie.

Das ausgehende 19. Jahrhundert brachte eine Flut neuer Erkenntnisse hervor, vor allem auf dem Gebiet der Hauttransplantation. 1895 führte der Chirurg Vincenz Czerny die erste Brustvergrößerung an einer Tumorpatientin durch. Eine weitere Beschleunigung der plastisch-chirurgischen Forschung erforderten die verheerenden Verletzungen durch den Ersten Weltkrieg. Vor allem die Erfahrungsberichte des Briten Harold Gillies und des Deutschen Erich Lexer („Die gesamte Wiederherstellungschirurgie“, 1931) gerieten schnell zu Standardwerken der Rekonstruktiven Chirurgie. Lexer, der später die Nationalsozialisten unter anderem bei dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ unterstützte, hatte bereits 1906 das erste Facelifting in Deutschland durchgeführt, 1920/21 folgte die erste dokumentierte Brustverkleinerung. 1931 veröffentlichte der Berliner Chirurg Jacques Joseph das Buch „Nasenplastik und sonstige Gesichtsplastiken nebst Mammaplastik“, das ihm den Ruf als „Vater“ der ästhetischen Nasenkorrektur einbrachte.

Nach den Kriegen

Nach dem Zweiten Weltkrieg, der erneut die Rekonstruktive Chirurgie vor neue Herausforderungen stellte, sorgte vor allem die Verbreitung der Mikrochirurgie für zuvor ungeahnte Möglichkeiten. 1944 begründete der US-Amerikaner Sterling Bunnell die moderne Handchirurgie, die ab den 60-er Jahren von den modernen Mikroskopen stark profitierte. Die Einführung von Silikonimplantanten 1962 durch Thomas Cronin und Frank Gerow (USA) oder die erste Transplantation einer Fußzehe als Daumenersatz 1968 durch John Cobbett (UK) stellten weitere entscheidende Meilensteine der Plastischen Chirurgie dar. Die erste Gesichtstranplantation, die 2005 an einem lebenden Menschen vollzogen wurde, stellt eindrucksvoll die Möglichkeiten und Fortschritte der Plastischen Chirurgie dar.